
Stolpersteinverlegung in Prag am 16.6.2026
Am 16. Juni 2026 wurden an Walter und Dorothea Serners letzter Wohnanschrift vor der Deportation (Prag, Kolkovne 5/920) zwei Stolpersteine verlegt. Die Initiative der Internationalen Walter Serner Gesellschaft wurde unterstützt vom Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, der Jüdischen Gemeinde Prag, dem Adalbert Stifter Verein und der Stiftung Rosenbaum und umgesetzt von dem Stolpersteinprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Allen Beteiligten sei herzlich gedankt!
(Bilder: Aileen Schindler)
Ansprache von Nikolai Venn
Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
namens der Internationalen Walter Serner Gesellschaft danke ich Ihnen, dass Sie hier sind. Dafür, dass wir hier sein können, danke ich den Kolleginnen und Kollegen von der Stolperstein-Initiative, die unsere Bitte, diese beiden Steine für Walter und Dorothea Serner verlegen zu lassen, so umgehend wie freundlich aufgenommen haben. Dank gilt ganz besonders Gunther Demnig, der dieses so großartige und wichtige Stolpersteinprojekt 1992 begonnen hat. Unser Dank gilt auch der Jüdischen Gemeinde zu Prag, die freundlicherweise die Schirmherrschaft für diese Veranstaltung übernommen hat, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, dem Albert-Stifter Verein und der Berliner Rosenbaum-Stiftung für Ihre Unterstützung des heutigen Ereignisses.
Wir stehen vor der Tür, durch die Dorothea und Walter Serner im August 1942 ein letztes Mal traten. Wissend, dass sie diesen Ort nicht dahin verlassen können, wohin sie möchten. Vielleicht ahnend, dass sie an diesen Ort niemals würden zurückkehren können.
Hier, in der V Kolkovně 920/5, lebten Walter und Dorothea Serner seit Januar 1939. Beide waren Anfang September 1938 von Karlsbad, dem Geburtsort Serners und heutigen Karlovy Vary, kurz vor der Besetzung von Serners Heimat durch die deutsche Wehrmacht nach Prag geflohen. Am 5. Februar 1938 hatten beide geheiratet – ein mutiger Schritt der Solidarität angesichts der herannahenden Nationalsozialisten. Denn Serners Vater war Jude, seine Mutter katholisch. Er selbst war im Alter von 20 Jahren zum katholischen Glauben übergetreten. Durch die Heirat mit seiner jüdischen Ehefrau Dorothea wurde Serner nach der abstrusen Rassenideologie der Nationalsozialisten vom „Mischling ersten Grades“ aber zum sog. „Geltungsjuden“ und geriet dadurch noch stärker als zuvor in den Fokus der Verfolgung. Die Hoffnung, Prag sei vor dem Zugriff Hitlers sicher, war nur von kurzer Dauer.

Die Wohnung – welche genau es war, wissen wir nicht – wurde Walter und Dorothea Serner von der Verwaltung zugeteilt. Als die Juden Prags ab September 1941 nur noch in bestimmten Wohnungen und Häusern unterkommen durften, lebten in diesem Haus 52 Jüdinnen und Juden, die bis zum 1. Oktober 1944 nach und nach alle verschwanden.
Die Ausgrenzung, Entrechtung und Demütigung, die sie erfahren mussten, kannte buchstäblich keine Grenzen. Sie kulminierte in der Umsetzung der größten Verbrechensverabredung der Menschheitsgeschichte, der Beschlüsse der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942.
An einem Tag Anfang August 1942 gehen Walter und Dorothea Serner ein letztes Mal durch diese Haustür. Sie haben sich am Radiomarkt, einem Deportationssammellager beim Messegelände, einzufinden. Nach dem erfolgreichen Attentat auf Heydrich am 27. Mai 1942 hatten die Nazis die Deportationen aus Prag forciert. Allein im Zeitraum 7. Juni bis 9. September 1942 verschleppen sie über 15.000 Jüdinnen und Juden aus Prag – fast alle davon in den Tod. Am 10. August 1942 werden Walter Serner und seine Ehefrau gemeinsam mit 1.472 anderen Menschen vom Bahnhof Bubna (Bubny) nach Theresienstadt per Eisenbahn deportiert.
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Festakt Jerusalem Synagoge
Unter Leitung von David Stecher (Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren) und unter Schirmherrschaft des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Prag Pavel Král fand der Festakt zur Stolpersteinverlegung am Abend in der Jerusalem Synagoge in Prag statt.
Programm: Begrüßungen David Stecher (Bild rechts), Pavel Král (Bild links), Andreas Mosbacher (Serner-Gesellschaft), Musik: Petr Nouzovský und Yukie Ichimura, Festrede Peter Becher (Serner-Gesellschaft und Stifter-Verein), Lesung aus "Die Tigerin": Barbara Lukešová und Hanna Rollmann-Romanowski (Serner-Gesellschaft), Impulse: Hanna Rollmann-Romanowski
Begrüßung Andreas Mosbacher:
Dobrè vecer!
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Präsident der Internationalen Walter Serner Gesellschaft darf ich Sie ebenfalls zu diesem besonderen Abend herzlich begrüßen! Mein Dank gilt der Jüdischen Gemeinde zu Prag, dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren und dem Adalbert Stifter Verein und allen anderen, die diesen gemeinsamen Abend zur Feier der Stolpersteinverlegung für Walter Serner und seine Frau Dorothe möglich gemacht haben.
Walter Serners Schicksal steht nicht nur beispielhaft für den Aufstieg und Untergang des böhmischen Judentums. Als Künstler seiner Zeit lebte und schrieb er auch eingebunden in einen europäischen Kulturraum, der Berlin, Paris, Prag, Wien, London, Barcelona, Genf und viele andere europäische Städte einschließt.
Es ist dieser gemeinsame Kulturraum, der uns auch heute hier zusammenbringt und verbindet. Auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen: Die Erinnerung an Walter Serner und seine Frau Dorothea gibt uns die Chance, das Gemeinsame unserer europäischen Kultur zu betonen. Aus dieser Wurzel können wir die Kraft schöpfen, um dem nationalistischen Populismus Einhalt zu gebieten, der das Trennende betont. Wohin es führt, wenn man andere ausgrenzt, sich über sie erhebt und sie entrechtet, sehen wir am Schicksal von Walter und Dorothea Serner. Die heute für sie verlegten Stolpersteine sind uns Mahnung, es nie wieder so weit kommen zu lassen.
Vielen Dank!
Dekuji!

Festansprache Peter Becher
„Ich galt als subversives Element“
Walter Serner (15.1.1889-23.8.1942)
"Ich.. wurde am 15. März 1889 in Karlsbad geboren. In dieser Stadt besuchte ich das Gymnasium, wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Bekanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Gestalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht. Ich galt als subversives Element, obwohl ich mich damals nur für Stubenmädchen interessierte und auch sonst bemühte, dem genannten Schriftsteller Ehre zu machen ... ... Störend empfinde ich nur, daß man mir kontinuierlich die geschmacklosesten Motive unterschiebt. Ich erkläre deshalb feierlich ... daß ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; daß ich viele Französinnen für exquisite Geschöpfe halte, die meisten Russen aber für Hysteriker; daß ich weder für Škoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Vergnügen; und daß ich einen tschechoslowakischen Paß besitze und glücklicherweise eine harte Haut."
(Walter Serner: Ich. In: Karlsbader Tagblatt Nr. 143, 26.6.1925).
Als Walter Serner diesen Text am 26. Juni 1925 im Karlsbader Tagblatt publizierte, in der Zeitung, die seinem Vater gehörte, war er bereits 36 Jahre alt. Geboren 1989 in Karlsbad, wenige Wochen vor der Eröffnung des Eiffelturms in Paris, hatte er in Wien, Berlin und Greifswald Jura studiert, mit einer größtenteils abgeschriebenen Dissertation promoviert und sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Einberufung durch seine Übersiedelung nach Zürich entzogen.
Dort und in anderen Orten der Schweiz war er zu einem Protagonisten der Literatur-Szene aufgestiegen und hatte das berühmte DADA-Manifest Letzte Lockerung verfasst. Umstritten, bewundert und angefeindet, wobei sich sittliche Empörung und antisemitische Ressentiments mischten, führte er nach dem Krieg ein unstetes Leben, schrieb Kriminalgeschichten (u.a. Der Pfiff um die Ecke, Berlin 1925, und Die tückische Straße, Wien 1926) und lebte zuletzt mit seiner Frau in Prag. Die geplante Flucht nach Shanghai scheiterte. Das Ehepaar wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und noch im selben Jahr in der Nähe von Riga ermordet.
Der Stolperstein, den wir heute Mittag vor dem Haus seiner letzten Wohnung in Prag verlegt haben, erinnert daran, dass er zu den Verfolgten der Nationalsozialisten zählte, die in wahnhafter Überheblichkeit meinten, einer höherwertigen Rasse anzugehören und scheinbar minderwertige Menschen wie Ungeziefer töten zu können.
Serners literarisches Interesse für die Halbwelt der Zuhälter, Prostituierten und Hochstapler, verbunden mit seinem Auftreten und seinen provozierenden DADA-Sätzen, verleitete manche Leser und Kritiker dazu, ihn auch persönlich in diesem Milieu anzusiedeln. Nun wissen wir, dass Serner in mancherlei Weise gegen das bürgerliche Leben revoltierte, dass er die Auseinandersetzung mit väterlichen und schulischen Autoritäten nicht scheute, die Matura mit Mühe bestand, in Greifswald mit einer weitgehend abgeschriebenen Doktorarbeit promovierte und später seinen Doktortitel gelegentlich so verwendete, als ob er ein Arzt und kein Jurist wäre. Mehr als jede Perspektive einer bürgerlichen Existenz faszinierte ihn das Leben der Künstler und Literaten. Und so ist er in mancherlei Hinsicht als Hochstapler aufgetreten, tatsächlich aber war er weder ein Zuhälter noch ein Bordellwirt, noch ein Bettler, Mörder oder Dieb.
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Lesung aus "Die Tigerin"
Barbara Lukešová (rechts) und Hanna Rollmann-Romanowski (links) lesen aus "Die Tigerin".
Es schließen sich Impulse von Hanna Rollmann-Romanowski an:
„Wenn man sie sah, musste man glauben, dass sie ein glückliches Liebespaar waren.“
Diese Phrase „musste man glauben“ kennzeichnet deutlich Serners Haltung der Welt gegenüber: Der Schein trügt, wie fast immer bei Serner - Wir erinnern uns, Aphorismus 422, danke Herr Becher: „Alles kann gespielt sein.“ Alle übernommenen Gewissheiten müssen aufgegeben werden für die Unsicherheit, den Zweifel.
Worin liegen genau Schein und Zweifel?
Fec und Bichette „machen“ sich, - dieses Verb „machen“ und dessen Ableitungen erscheinen im ganzen Werk als der meist genannte Begriff „Macherei“, „abgemacht“ „gemacht“ – sie erstellen Ihre Identität, auch ihre gemeinsame als Liebe, auf künstliche Weise – Das, was im Grunde nur für die Außenwelt gelten sollte, die Maske nach außen als Verweigerung gegenüber dem bürgerlichen Fremdbestimmung (vgl. Herr Venn am Mittag), wendet sich gegen sie selbst.
Sich selbst gegenüber „sap zu bleiben“, ehrlich, offen, wahr, klar und hart, bleibt eine Utopie. Die Passage ist Turning-Point, Moment der Erkenntnis (Anagnorisis): Die „Macherei“ wird als„Dummheit“ erkannt. Die Sinnlosigkeit ist Anfang und Ende jeder Aktivität. Die Maske, die Pose, dient dem Verbergen der allgemeinen Sinnlosigkeit, dem „Leerlaufen“, vor sich selbst.
Impulse von
Hanna Rollmann-Romanowski
Welchen positiven Impuls kann uns dieser Lebens-Entwurf geben?
„Wenn man sie sah, musste man glauben, dass sie ein glückliches Liebespaar waren.“
An dieser Stelle kommt ihnen vielleicht auch der letzte Satz von Camus` Essay „Der Mythos des Sisyphos“ in den Sinn: Über Sisyphos, der ebenso in die absolute Sinnlosigkeit blickt – er rollt den hinabrollenden Stein immer wieder auf den Berg- , wird gesagt:
„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Im Vergleich mit Sisyphos, den wir uns als „glücklichen“ Menschen vorstellen müssen, angesichts der Sinnlosigkeit, bleibt Serner allerdings nicht nur beim Zweifel - „musste man glauben“, auch an sich gegenseitig -, sondern Serner geht noch weiter. Er nimmt uns mit dem Zweifel auch überhaupt die Idee eines möglichen (eudaimonischen) Glücks in der Sinnlosigkeit. Es geht bei Serner um die Verhöhnung des Unglücks. Das Lachen im Angesicht des Schrecklichen.
Es ist nicht so, dass Werte wie Sinn, Wahrheit, Vertrauen und Glück nicht nicht-existent wären: Sie müssen nur situativ, immer wieder neu definiert, „gemacht“, werden. Dieses situative Ins-Welt-Bringen ist die Grundlage für die Beziehung zwischen Fec und Bichette. Nach dem (gemeinsamen) Coup ist vor dem Coup (für den wir uns wieder das Vertrauen erarbeiten müssen und der für selbst Sinn spendet).
Die Texte sind mit enormer Expressivität geschrieben, mit formaler Kraft, sind Stolperfallen für Lesende, besitzen aber trotz ihrer Bindung an die Negativität eine inhaltliche Kraft, eine Inspiration. Denn die Figuren Bichette und Fec befinden sich selbst in einer Ambivalenz. Herr Becher hatte bereits eine äußere Spannung erwähnt, der ich eine innere hinzufügen möchte:
Der Versuch des Zertrümmerns von Masken und Rollen, der Versuch, „sap zu bleiben“, ist Ausdruck der Suche nach Selbstbestimmung, innerer Freiheit – aber zugleich Zeichen des Bedürfnisses nach Nähe und Solidarität. Das Zusammenführen der sich widersprechenden Motivationen demonstriert die Kraft der beiden. Bichette und Fec raufen sich bis zum großen Finale immer wieder zusammen – trotz der Zweifel an sich und dem Sinn von allem.
Die „Absonderlichkeit“ der Liebesgeschichte (so der Untertitel des Werkes) liegt im ständigen Ringen, im Kampf der Liebenden um das „sap“ sein miteinander – und mit einer bis über ihr Ende hinausgehenden Frage nach dem Sinn: Fec stirbt, um damit Bichettes geltende Kugel abzufangen, nur um Bichette das nächste Abenteuer zu ermöglichen, in dem sie ihren neuen Freund tatsächlich selbst in den Tod stürzt.utor war.

Was kann das für uns heute bedeuten? - Impulse
1.
Eine Gesellschaft besteht aus fragilen Existenzen, Micro-Verbindungen, Sub-Milieus, aus kleinen performativen Gemeinschaften, die sich dem großen Narrativ einer „Gemeinschaft“ (Ferdinand Thönnies) entziehen: Diese Pluralität muss erhalten bleiben – entgegen der Vorstellung einer harmonischen Einheit einer Gesellschaft, einer homogenen Masse oder Nation.
2.
Serner als Jude und Künstler ist Außenseiter ohne Bitterkeit, aber agierend mit radikaler Ehrlichkeit: Zweifeln ist keine Schwäche, sondern ein Wahrnehmen von Bedürfnissen und das Grundelement für Handeln. Gerade wegen des Zweifelns auch am anderen ist das Im-Diskurs-Bleiben von größter Wichtigkeit: sich gegenseitig Fragen stellen, Antworten suchen, sich „zusammenraufen“, unabhängig von Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit, die eine Gruppe dem Dasein zuspricht (oder nicht), unabhängig von Religionen oder Hintergründen: Solidarität und Menschlichkeit stehen im Mittelpunkt.
3.
Schaffen von Gelegenheiten und Orten gemeinsamen Austauschs und Diskutierens:
Es muss nicht der gemeinsame Coup sein, es reicht manchmal auch, einfach einer Einladung zu folgen, beispielweise hierher.
Der heutige Abend ist eine solche Gelegenheit.
Ich danke Ihnen, dem Literaturhaus Prag und der Jüdischen Gemeinde, die uns für den Abend unterstützt hat, natürlich auch den Beteiligten Herren Venn, Mosbacher, Stecher und Becher und freue mich, hier mit Ihnen heute auch kurzfristig Teil einer „pluralistischen“ Gesellschaft zu sein.